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„Mit Omas Leuchter fing alles an.“

Anja Teske, Luster, 2019

Diese einfache Aussage klingt wie ein Steckbrief der Arbeitsweise von Anja Teske.

Am Anfang stehen die Besuche bei der Großmutter, die familiäre Umgebung, die man von Kindesbeinen an kennt. Die bewusste Beobachtung mag jüngeren Datums sein, aber sie geht wohl auf die Kindheit zurück, als die Zeit manchmal noch so langsam vorbei ging und man der Langeweile entgegen wirken musste. Im Zustand des scheinbaren Stillstands, werden die Sinne wach. Der Blick schärft sich, nimmt die kleinsten Veränderungen in Licht und Farbe wahr, in der Materialität eines Gegenstandes und seiner räumlichen Fixierung. Der Leuchter ist ein dankbares Beobachtungsobjekt. Er beherrscht den Raum, tagsüber fangen seine Messingarme das Sonnenlicht auf und abends sind es seine Kerzen, die Licht spenden. Er hängt mitten im Raum, so tief, dass man aufpassen muss, sich nicht den Kopf anzustoßen. Deshalb ist es ein Leichtes ihn mit einer Handbewegung zum Schwingen zu bringen. Durch seine Drehbewegungen werden auch die Schatten an der Wand lebendig.

Anja Teske sucht generell ihre Bildmotive in ihrer Umgebung, oder besser gesagt, sie offenbaren sich ihr und beschäftigen sie oft über Jahre, sodass Serien entstehen, die durchaus zeitgleich entwickelt werden. Zu den wichtigsten gehören die Rasenstücke von „Neighbour‘s Garden“, die Staubsauger der Serie „Music at the End of the Century“, die Sahnehäubchen der Serie „Made by Hoover – Made by Mixer“ oder auch „Sammler“ für die sie Künstlerkolleg*innen in Kirchenräumen fotografierte, „Zuckerpuppe“ das sie dem Doppelleben des Transvestiten Juwelia/Stefan als Frau und Mann widmet und „Abschied“ indem die Torsos ihrer Freunde Dank der Lichtführung zwischen An- und Abwesenheit schweben.

Jede dieser Werkgruppen hat bestimmte Eigenschaften, die sich auch in der Serie der Leuchter widerfinden. „Neighbour‘s Garden“ zeigt nicht die schön arrangierten, künstlich und bieder angelegten Kleingärten, sondern Wiesen, sozusagen ein Stück Freiheit. Es sind minimalistische Bilder der Natur, die auch „Variation in Grün“ heißen könnten, wenn man einzig auf die Modulation des Grases durch das Licht achten würde. In Verbindung mit dem Titel bekommt die Darstellung mithin eine leise Ironie. Sie findet sich ebenfalls in „Music at the End of the Century”, wo das stumme Bild den Krach des Staubsaugers durch eine laute und chaotische Bildanordnung zu wiedergeben versucht – offensichtlich eine bildliche Umsetzung der minimal Music von John Cage, in der Geräusch dem Klang gleichgestellt wird.

Wer seine Aufmerksamkeit auf den Rasen, die Diversität der Grashalme und deren Dichte richtet, den Klang der Staubsauger zu visualisieren versucht, in harmlosen Sahnehäubchen das Schmelzen der Eisberge verkörpert und es schafft, die schillernde Persönlichkeit eines Transvestiten aus nächster Nähe und mit der respektvollen Distanz darzustellen, hat in der jüngst entstandenen Serie der Leuchter sicher mehr im Kopf als deren sachliche Darstellung, mag diese noch so brillant und spielerisch wirken.

Seit mehreren Jahren fotografiert Teske Kronleuchter, Prunkleuchter und einfache Leuchter in Moscheen und Kirchen. Dabei geht es nicht darum welche Leuchter in Kirchen und welche in Moscheen hängen – ganz im Gegenteil, eine Unterscheidung lässt sie nicht zu. Teske verweilt gerne in Gotteshäusern, weil die Stille und die Ruhe sie an die vertraute Atmosphäre bei Oma erinnern und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse sie faszinieren. Dabei geht es nicht um Erhabenheit und Transzendenz, nein, vielmehr geht es um die Möglichkeit in sich zu kehren und abzuwarten, was die Umgebung mit ihr macht. Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: „ich kann aufnehmen, was sich zeigt“. Was sich zeigt, offenbart sich, gibt sich selbst zu Erkennen. In der Serie „Sammler“ zum Beispiel hat Teske ihre Künstlerkolleg*innen gleich den Heiligen in Renaissancebildern im Mittelschiff von Kirchen fotografiert und sie angewiesen, bei sich selbst zu sein. Allein durch ihre Haltung verweisen sie auf sich selbst und auf ihr Wesen.

Bei den Leuchtern verfährt sie ähnlich. Alle sind in Untersicht fotografiert, meistens streng axial, sodass sie die Bildmitte beherrschen. Man erkennt sie nicht mehr unbedingt als die Lichtquelle im Raum, denn man sieht nur die Unterseite, die wie ein Ornament mit dem Hintergrund verschmilzt. Durch die Symmetrie des Bildes wird auch die Raumsituation verunklärt, das Verhältnis von Objekt zu Raum weitgehend negiert zugunsten von Form und Farbe. Nur die Reflexion auf dem Metall und die subtile Lichtführung, welche die feinsten Farbnuancen hervorheben, lassen dem forschenden Blick gelegentlich die Tiefendimensionen erahnen. Dann kann es sein, dass ein Leuchter wie ein Halo schwerelos im Raum schwebt und ein anderer einem explodierenden Stern gleicht.

Das Licht spielt eine wesentliche Rolle in den Fotografien von Anja Teske. Sie führt Regie im Bild. Einmal verleiht die starke Ausleuchtung den Objekten ihre Strahlkraft, modelliert die Formen mit extremer Präzision bis ins kleinste Detail, ein anderes Mal vereinnahmt Streulicht die Objekte und verwandelt sie in reines Dekor. Die Leuchter selbst sind dann ähnlich abwesend, wie die Körper der Freunde in der Serie „Abschied“. Es ist auch das Licht, das die Decken in feinst nuancierte Farbhintergründe verwandelt. Der Farbklang ist für die Ambivalenz der Interpretation des Bildes, das zwischen Objekt und Ornament oszilliert, verantwortlich. Es bleibt dem Betrachter offen, den Leuchter oder das Ornament zu sehen. Diese Bilder sind puristisch, minimalistisch, bar jeder Romantik und Sentimentalität.

Was bedeutet dies für das Werkverständnis, dass Anja Teske ohne Ausnahme in Serien arbeitet? Ihre Serien haben einen Anfang, aber kein bestimmtes Ende. Wenn ein Motiv ihre Aufmerksamkeit gefangen hat, begleitet es sie, wohin immer sie geht. Sie begibt sich nicht auf die Suche des Motivs, sondern der Zufall legt es ihr auf den Weg. So wurden die Aufnahmen zur Serie Neighbour‘s Garden, in Island, Irland, Dänemark, Deutschland aufgenommen, jene der Leuchter in Iran, Deutschland und Dänemark. Andere Bildserien sind an Personen (Juwelia, Sammler) oder Aktivitäten (Sahne schlagen oder staubsaugen) gebunden. Es ist irrelevant, wie lange eine Serie sie beschäftigt, ob Monate oder Jahre. Innerhalb einer Serie ist es weder möglich noch sinnvoll nach einer chronologischen Entwicklung zu suchen. Was heißt schon ein Datum bei einer Fotografie? Handelt es sich um das Entstehungsdatum oder jenes der Produktion? Im Gegenteil, Teske legt Wert auf die freie Kombinatorik der Bildfolgen, auf das spielerische Element der zufälligen Nachbarschaft der Motive. Darin sind sie mit den unberechenbaren Bildwelten des Kaleidoskop verwandt, die sich manchmal nur schrittweise gering verändern, dann wieder vollkommen neue Motive produzieren. Die Grenzüberschreitungen zwischen Objekt und Ornament erfordern vom Betrachter eine genaue Beobachtung. Die Langsamkeit des Schauens, die Teskes Arbeitsvorgang zugrunde liegt, gilt auch für die Bildbetrachtung.





Danièle Perrier

29.12.2019