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Wieviel Platz bleibt für die Umsetzung künstlerischer Ideen bei Auftragskunst?

Seitdem die Kunst durch die Erfindung der Photographie sich von der Reproduktion der Realität loslösen konnte, gab es zwar immer wieder Kunstbewegungen, die umfassend in die Gestaltung der Gesellschaft wirken wollten – William Morris, der Jugendstil und vor allem das Bauhaus, das vielleicht am weitesten in das Durchwirken des Alltags mit Kunst gegangen ist – aber in der Regel ist die Kluft zwischen den Interessen der freien Kunst und der Auftragskunst immer größer geworden. Dies hat vor allem auf die Gestaltung der Kunst am Bau Projekte verheerende Folgen, die in so vielen Fällen zu sinnlosem und oftmals auch misslungenem Dekor abdriften. Hier geht es also darum zu zeigen, wie zwei Künstler, die im Bereich der freien Kunst selbständig arbeiten, gemeinsam Auftragswerke zweckgebunden erfüllen.

Michael Post und Heiner Thiel: Zwei Künstler - beide Balmoral Stipendiaten - beide der Abstraktion verpflichtet - beide bevorzugen das Relief - beide verbinden Skulptur und Malerei in einem - kurzum zwei Standpunkte, die dialogisch miteinander umgehen.

Für Heiner Thiel gibt es nur eine Form: das Quadrat... oder, wenn man so will, zwei: das Quadrat und den Kreis, denn seine Quadrate sind konvex oder konkav, sodass die Bildfläche zum Objekt wird - ein Objekt das sich in den Raum öffnet und ihn einschließt oder darin ausweitet und die Leere verdrängt. Das monochrom eloxierte gewölbte Quadrat fängt das Licht ein und somit den umgebenden Raum mit all dem, was in ihm passiert. In gewisser Weise ähneln sie den konvexen Spiegeln, wie sie in den Bildern von Van Eyck oder Velasquez dargestellt sind, die es erlauben, das Zimmer aus der Perspektive des zum Betrachter gewendeten darzustellen. In beiden Fällen geht es um die Wahrnehmung des Raumes, allerdings dreht es sich bei Thiel nicht um die Wiedergabe des reellen Raumes, sondern vielmehr um eine, damit im Verhältnis stehende, nicht konkret definierbare Raumtiefe.

Wie wichtig das Zusammenspiel von Skulptur und Raum ist, zeigt das „Offene Quadrat“, eine Skulptur aus Corten-Stahl, die anlässlich des Symposiums Skulpturenweg Rheinland-Pfalz 1996 im Karlstal aufgestellt wurde. Wer auf das Tal frontal zugeht, nimmt den Kubus als eine majestätische, sich massiv vor ihm aufbäumende Form wahr, die den Weg in das enge Tal versperrt. Um ins Tal zu gelangen, muss der Spaziergänger die Skulptur passieren. Was zunächst als geschlossene, kompakte Form erschien, erweist sich als eine Konfiguration von vier hintereinander gestaffelten losen Stahlplatten, die sich je nach Blickwinkel zu zwei- oder dreidimensionalen Eindrücken erschließen und den Betrachter einladen, sich forthin zu bewegen, um wieder das geschlossene Quadrat zu finden.

Was für Heiner Thiel das Quadrat ist, ist für Michael Post der Tetraeder - eine dreieckige Pyramide - die bei ihm allerdings mit ihrer auf den Kopf gestellten Zwillingsform gepaart ist. Die Form des Tetraeders wird farblich nochmals unterteilt und zwar so, dass die Farbe ebenfalls gegenläufig zur Form verläuft. Form und Farbe, Positiv und Negativ, sind gleichwertig in jedem Teil wiederzufinden, sodass eine Wahrnehmungsirritation entsteht, die den Blick nicht ruhen lässt. Das Prinzip der Paradoxie - ein verbundener aber gleichzeitig unauflöslicher Widerspruch von Gegensätzlichkeit, das sowohl als auch, die unentrinnbare Bipolarität eines jeden Dinges und jeglicher Gedanken - bestimmt Idee und Form der Arbeiten von Michael Post. Er selbst bezeichnet sie als „Bivalenzen“.

Oft ist die pyramidale Form in die Länge gezogen, sodass sie wie ein Streifen oder ein Stab wirkt. Bei den meisten Wandreliefs - das bevorzugte Medium von Michael Post - werden mehrere identische Streifen nebeneinander oder auch übereinander gestellt, sodass sie gemeinsam die Wandfläche, nach deren Ausmaßen sich die Größe des Reliefs bemisst, besetzen. Daher kann es sich um horizontale oder um vertikale Konfigurationen handeln. Die Farbe spielt eine wichtige Rolle in der Gestaltung der Reliefs: es wird immer nur eine Farbe komplementär zum Weiß verwendet, schwarz, rot, gelb - manchmal fluoreszierend - gelegentlich kommen auch Pastellfarben in Frage.

Der Stab kann sich auch zu einem Kreis krümmen und seriell als Variation auf ein Thema die Wand in verschiedenen Farbtönen modulieren. Gelegentlich löst sich das Relief von der Wand und entfaltet sich als freie Skulptur im Raum. Dennoch bleibt der dominierende Eindruck jener eines „Bildes“, der sich vom Träger befreit.

Bei aller Strenge der Formen - das Quadrat beim Einen, der Tetraeder beim Anderen - haben die Werke beider Künstler etwas von der Leichtigkeit des Seins. Nicht nur die Farbe trägt dazu bei, sondern der spielerische Umgang mit Wand und Raum, auf die sie Bezug nehmen. Man möchte sagen, dass ihre Werke unprätentiös sind.

Darin liegt vielleicht das Geheimnis, warum gerade diese beiden sich ergänzenden Künstler ihre künstlerischen Erfahrungen in die Gestaltung des Alltags und des öffentlichen Raumes einsetzen wollen, mit anderen Worten Kunst im Bereich der angewandten Kunst einfließen lassen, ganz im Sinne der Bauhausidee, die die Durchdringung des Alltags durch die Kunst postulierte.

Der Unterschied zwischen der freien Kunst und der angewandten ist, das letztere zweckgebunden ist. Im Fall von öffentlichen Aufträgen sind die Rahmenbedingungen durch den Auftraggeber gestellt und es geht darum, diese inhaltlich und formal möglichst konsequent umzusetzen.

Dabei ist die Ausgangssituation oft vollkommen unterschiedlich. Wenn es darum geht, eine Wappenwand für den Landtag in Mainz zu gestalten, dann sind die Motive vorgegeben. Die Veränderungen können sich nur auf Details und den Einsatz von Material als Gestaltungsprinzip beziehen. Thiel und Post haben dies so gelöst, dass sie Details weggelassen haben, die Farben reduziert und Opalglasbahnen als vereinheitlichendes Element eingesetzt. Damit haben sie Hierarchien zwischen den verschiedenen Wappen entgegen gewirkt, das alte Symbol von Macht und Unterscheidung im Sinne der Demokratie von heute gleichberechtigt als Bildtafeln miteinander verbunden.

Mit einer „freien“ Skulptur vergleichbar ist das Offene Labyrinth, das Heiner Thiel für die Grundschule von Mainz-Bretzenheim realisierte. Der Kubus besteht insgesamt aus 174 Edelstahlrohren, die in regelmäßigen Abständen senkrecht in einer Betonplatte eingelassenen sind. Aus der Flugperspektive lässt sich die mäanderartige Gestaltung des offenen Kubus leicht erkennen, welche die Struktur des Labyrinths bildet. Von unten allerdings können die Kinder den Verlauf der Bahnen nicht erkennen. Sie erleben das Gehen als Irrweg, das einen zwingt zurück zu gehen und von Neuem zu starten, ein Sinnbild für die Schlängellinien des Lebensflusses, wobei die Wegführung so angelegt ist, dass die Kinder sich nicht verirren können und jedenfalls den Ausgang finden. Das Labyrinth kann man als begehbare Skulptur begreifen, sodass Spiel und Umgang mit Kunst sich in diesem Projekt die Waage halten.

Vollkommen anders war die Aufgabenstellung zur Gestaltung des Polizeipräsidiums Westpfalz in Kaiserslautern, der darin bestand den Innenbereich und auch die Außenwand zu gestalten. Für den Innenbereich stellten Thiel und Post eine Verbindung zum griechischen Philosophen Platon her, der eine klare Definition der Politeia, des Staates, gab. Ihm zufolge erfordert eine gute Staatsführung die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Mut und Besonnenheit. Thiel und Post gestalteten daher aus den Buchstaben der Kardinaltugenden wandhoch das Portrait von Platon. Damit setzten sie den Patron der Politeia mitten ins Polizeipräsidium, wie ein bildnerischer Leitsatz, der auch heute der Arbeit der Polizei, beziehungsweise der Gesellschaft, vorstehen soll.

Ein anderes Portrait sollte an der Außenfassade angebracht werden, jenes des berühmten Fußballers Fritz Walter, der so eine direkte Verbindung zu „seinem“ Stadion hergestellt hätte. Dieses Portrait sollte entsprechend der digitalen Bearbeitung in Pixel gerastert und dadurch, ebenso wie das Bild Platons durch die Buchstaben, stark abstrahiert werden. Während im Inneren die Polizei stets gemahnt wird, sich an die bereits in der Antike festgesetzten Grundlagen zu halten, sollte sie auf diese Weise das positive Zeichen, das von dem Ausnahmesportler Fritz Walter aus Kaiserslautern ausgeht, nach außen tragen. Leider konnte der zweite Teil dieses Konzepts nicht realisiert werden.

Die Liste der Werke könnte beliebig erweitert werden und auch die eingesetzten Materialien, die bis hin zur Fotografie reichen. Doch würde es der eingangs gestellten Frage nichts hinzufügen. Interessant ist, dass Thiel und Post in ihren Auftragswerken immer wieder sinnstiftende Lösungen bieten - man denke hier an den Bezug zu Platon, Fritz Walter oder dem Labyrinth, das in der griechischen Mythologie eine wichtige Rolle spielt. Es erstaunt umso mehr als beide in der freien Kunst vollkommen der Abstraktion verpflichtet sind, sodass es weniger um Interpretation als um Wahrnehmung geht. Die Art, wie die Auftragsarbeiten variiert behandelt und sinnstiftend ausgelegt werden, zeigt, dass das Korsett der gesetzten Rahmenbedingungen nur fruchtbar sein kann.

Danièle Perrier, in: Michael Post - Heiner Thiel, Wall Pieces und Projekte fur den öffentlichen Raum, Edition PT, 2010, S. 6. f

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