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Zwei Schienen, die sich nie treffen?

Kultur und Management - Zwei Schienen, die sich nie treffen?

Die Diskussion an den ersten beiden Seminartagen hatte bereits gezeigt, dass noch etliche Verständnisunterschiede zwischen der chinesischen und der deutschen Seite bestehen, insbesondere zu den Begriffen „Kultur„ und „Management„. Ein guter Anfang, zu einer gemeinsamen Plattform zu kommen, wurde gemacht. Die gegenseitigen Auffassungen mit ihren Hintergründen kamen deutlich zum Vorschein. Das half zum einen, die jeweils andere Seite besser zu verstehen, zum anderen aber auch, die eigene Position zu spiegeln, zu hinterfragen und teilweise sogar zu revidieren.

Zum Beispiel lernten die deutschen Teilnehmer, dass ihr stark mit Kunst liierter und daher elitärer Kulturbegriff zu eng gefasst ist. Man muss nicht gleich so weit gehen wie Beuys, der im Grunde alles zu Kunst erhob; aber auch in Deutschland spricht man über Pop-Kultur, Ess-Kultur, Wohn-Kultur, .... Ein chinesischer Teilnehmer berichtete dazu, er habe beim Recherchieren allein 200 verschiedene Definitionen von „Kultur„ gefunden.
Darüber hinaus konnte die deutsche Seite, die Kunst und Kultur häufig als „Oase in der technischen und betriebswirtschaftlichen Zahlenwüste„ sieht, erleben, wie wenig Berührungsängste die chinesischen Teilnehmer sowohl mit den Übergängen zur Technik (Medien, Architektur, ...) als auch mit der betriebswirtschaftlichen Sicht des Kunst-/Kultur-bereichs hatten. Unter diesem Blickwinkel konzentrierte sich die Workshop-Diskussion auf einige Teilaspekte des in vielen Bereichen noch klärungsbedürftigen Komplexes „Kulturmanagement„.

An dem Workshop nahmen der Kultusminister von China und seine Assistentin, der ehemalige Kulturattaché von China in Deutschland, ein Wirtschaftswissenschaftler, zahlreiche Künstler, Kunsthistoriker und Kunststudenten teil; insgesamt rund 30 Personen.

Es wurden vier Themenkreise angesprochen:Was verstehen wir unter Kunst, was unter Kultur?Welche Prämissen gelten für Kunst in China?Wie wird Kunst in China vermittelt?Welche Erwartungen bestehen bei einem Austausch zwischen Deutschland und China?
1. Was verstehen wir unter Kunst, was unter Kultur?

Unsere chinesischen Kollegen beziehen, so zeigte die Diskussion, in ihren Kunstbegriff das Alltagsleben mit Werbung, Film und Fernsehen, Literatur und auch Bräuchen in einem weit größeren Ausmaß ein als wir. Dieser weite Kunstbegriff entspricht in etwa unserem Begriff der Kultur. Auf den Hinweis, dass man in Europa zwischen Gebrauchskunst und "freier" Kunst unterscheidet, selbst wenn derzeit seitens der Künstler diese Grenze aufgeweicht wird und viele Design als Grundlage ihrer Arbeit benutzen, wurde von chinesischer Seite der Einwand gebracht, dass beispielsweise die Architektur zweifelsohne zur Kunst gehöre und dennoch einem Zweck diene. Daher erscheine es nur naheliegend, auch Werbedesign der Kunst zuzurechnen.
Mit einem so weit gefassten Kunstbegriff geht es den Institutionen in China zunächst darum, Kultur im breiten Sinn zu fördern, um möglichst weite Bevölkerungskreise zu erreichen. Kunst und Kultur werden als Gegenwelt und Ausgleich zum harten Arbeitsalltag angesehen. Sie dienen gleichermaßen der Erbauung, Unterhaltung, Erholung und Bildung. Daher spielen in China die Begriffe der Kunst und Kultur und deren Umsetzung als eigener Wirtschaftszweig (Kunsthandel, Festivals, Ausstellungen etc.) gegenwärtig eine wesentliche Rolle. Unter den Begriffen "Kulturindustrie" oder "Kulturwirtschaft" werden neue kulturelle Vermittlungsformen diskutiert.
Eine tieferes Nachfragen, ob in China kein Unterschied gemacht würde zwischen den Gattungen der Bildenden Kunst wie Malerei, Bildhauerei, Installationen, Video, Architektur usw. und der Gebrauchskunst wie Plakate, Möbeldesign, Filmwerbung, Buchhüllen usw. ergab, dass es diese Unterscheidung sehr wohl gibt, nur scheint sie im Moment nicht im Vordergrund des Interesses zu liegen.

2. Welche Prämissen gelten für Kunst in China?
Auf die Frage, ob die Kunst alles darstellen dürfe, wurde von Seiten des Kultusministeriums geantwortet, dass der künstlerische Ausdruck prinzipiell frei sei. Allerdings dürfen Künstler nicht gegen die Gesetzgebung verstoßen. Kunst soll demnach politische Themen weitgehend ausklammern, ebenso den Bereich der Sexualität. Auch in unseren Regionen wird Kunst oft als provokativ angesehen, was dazu führt, dass Autoritäten versuchen, ihre Präsentation zu unterbinden. So wollte beispielsweise im vergangenen Jahr der Bürgermeister von New York die Ausstellung der Aktfotografien von Robert Mapplethorpe verbieten, was allerdings in der Fachwelt massiven Protest hervorrief.
In der Diskussion wurde deutlich, dass die Ausklammerung dieser zwei Bereiche - Politik und Sexualität - eine wesentliche Einschränkung der Aussagemöglichkeiten in der chinesischen Gegenwartskunst zur Folge hat. Nach europäischem Ermessen wird der Aktualitätsbezug in der chinesischen Kunst dadurch stark eingeschränkt. Eine Lockerung der Bestimmungen wurde nicht nur von den Künstlern und Kunststudenten gefordert, sondern auch deutlich vom Kultusminister und seiner Assistentin postuliert. Die derzeitigen Einschränkungen betreffen nicht nur das Inhaltliche, sondern auch die gesamte Struktur, da bis zur Ausstellungeröffnung zahlreiche Genehmigungsverfahren und Behördengänge erforderlich sind.

Von institutioneller Seite wurde vor allem die Erhaltung der Kulturgüter aus der Vergangenheit angesprochen. Diese nehmen nach den vernichtenden Aktionen der Kulturrevolution einen ganz besonderen Stellenwert ein. Sie bilden die Brücke zur eigenen Vergangenheit und zur kulturellen Identität. Nun sollen die erhaltenen Werke archiviert, restauriert und präsentiert werden. Dabei stellt sich die Frage, was unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Der krasse Mangel an Mitteln wurde in diesem Zusammenhang betont.
3. Wie wird Kunst in China vermittelt?
Seitens der Künstler und Kunststudenten wurde vor allem der Mangel an Ausstellungsmöglichkeiten im Land bemängelt und der Wunsch geäußert, auch im Ausland ausstellen zu können. Es entstand der Eindruck, dass im Bereich der freien Künste, sprich der Bildenden Kunst, Strukturen der Vermittlung für Gegenwartskünstler fehlen oder unerreichbar sind. Zwar gibt es zahlreiche Museen in China, doch dienen sie vorrangig der Präsentation etablierter Kunst. Eigene Kunsthallen sind noch auf wenige Zentren beschränkt und ihre künstlerischen Leiter haben keine freie Entscheidung. Derzeit bedürfen alle Ausstellungen einer offiziellen Genehmigung. Es ist begrüßenswert, daß der Kultusminister eine diesbezügliche Änderung seitens der Autoritäten postuliert und alles daran setzt, eine baldmögliche Lockerung der gesetzlichen Situation zu erwirken.
Einheimische kommerzielle Galerien zur Vermittlung der Gegenwartskunst sind so gut wie nicht vorhanden. Die wenigen Galerien werden meist von Ausländern betreut, die vor allem internationale Kunst zeigen, so dass die einheimischen Künstler weitgehend unberücksichtigt bleiben. So finden die meisten Ausstellungen junger Künstler in deren Ateliers statt, außer es handelt sich um Kunstwerke, die für repräsentative Zwecke genutzt werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass China sich auch im Bereich der Kunst rasch öffnet und Wege einer verstärkten Integration sucht. Neben der Archivierung von altem Kunstgut werden vor allem die angewandten Künste berücksichtigt, weil sie als erste auf die Gesamtbevölkerung einwirken und den Lebensstandard heben. Die Förderung der freien Künste ist derzeit noch zaghaft.

Welche Erwartungen bestehen bei einem Austausch zwischen Deutschland und China? Die chinesischen Künstler bekundeten ihre Bereitschaft in Deutschland auszustellen, ein Postulat, das zugleich dem Wunsch gleichkommt, neue Märkte zu erobern. Die Frage nach den Bedingungen für eine positive Rezeption in Deutschland wurde dabei nicht gestellt. Es entstand der Eindruck, dass der einst rege Austausch zwischen Europa und China im 18. Jahrhundert - die Zeit der großen China-Begeisterung in Europa - auch heute noch eine selbstverständliche Aufnahme des "Exotischen" impliziert.

Die meisten deutschen Institutionen, die als Partner in Frage kommen, sind vor allem an einem gegenseitigen Austausch interessiert. So sollen auch deutsche Künstler die Möglichkeit erhalten, in China zu leben, Erfahrungen zu sammeln und sich mit chinesischen Künstlern auszutauschen. Die Frage der Ausstellungsmöglichkeiten ist wichtig, wichtiger ist jedoch der Dialog. Begegnungen, wie sie z. B. Xiubai Su in Rheinland-Pfalz organisiert, sind von hoher Bedeutung. Anzuregen sind gegenseitige Führungen für Künstler, Kulturschaffende und Lehrende durch große Museen in China und Europa, die von Fachleuten, die eine innere Sicht der Werke besitzen, organisiert werden. Nur ein besseres Verständnis der anderen Kultur hilft, die eigene mit neuer Kraft aufzuladen, ohne die Identität zu verlieren. Gerade dieser Punkt ließ sich aus den Aussagen des Ministers in Bezug auf die Zensur stark heraus hören. Ziel ist es, neue Wege einzuschlagen, die sowohl die Bewahrung der eigenen Identität sichern, als auch der Kunst ihre Freiheit geben.

Im Workshop wie im gesamten Seminar wurde deutlich, dass nach dem gelungenen Auftakt und auf Basis der vielen geknüpften Kontakte noch weitere chinesisch-deutsche Begegnungen dieser Art sinnvoll wären. Viele Fragen bedürfen der Klärung, viele Ideen der Realisierung, sowohl auf dem Gebiet des Kulturmanagement als auch in den chinesisch-deutschen Beziehungen.
So könnte sich am Ende doch bewahrheiten, was die Vize-Ministerin für Kultur als Erwartung zu Beginn des Seminars äußerte: Dass Wirtschaft und Kultur keine zwei Schienen sein dürfen, die nie zusammenkommen, sondern eher ein Liebespaar, das sich gefunden hat!

Danièle Perrier und Helmut Assfalg, Erfolgsfaktor Kultur,Seminar an der Peking Universität, veranstaltet durch den KKT e.V. Kunst Kultur und Technik Freundesverein der Peking Universität, März 2000

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