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Hermann Nitsch ORLAN Anke Röhrscheid

Nitsch, Schüttbild 2013

Courtesy Atelier Nitsch

Physis der Seele - inszenierte Rituale

Meine Damen und Herren, sie werden sich möglicherweise fragen, was diese auf Anhieb so unterschiedlichen Werke gemeinsam haben, was mich dazu veranlasst hat, sie zusammen auszustellen. Es geht ganz offensichtlich nicht, um oberflächliche Ähnlichkeiten, sondern eher um grundlegende Fragestellungen in Bezug auf Leben und Tod, unserer Wahrnehmung der Welt –physisch und geistig – und der persönlichen Anschauung, die jeder der Künstler mit den eigenen Mitteln vertritt.

Der gemeinsame Nenner ist, dass bei allen drei Künstlern der Körper in seiner Leiblichkeit, als Organ und Organismus zum Einsatz kommt. Unsere Haut ist unser Fühlorgan, der Sensor, der den Kontakt mit der Außenwelt aufrecht hält, sie befühlt und unsere subjektive Wahrnehmung von Schmerz und Lust bis in unsere Eingeweide überträgt. Deshalb sprechen wir von Bauchgefühl.

Der Körper ist der Ort des Geschehens. Er wird Ritualen unterzogen. Die Aktionen von Nitsch erinnern an die Passionsspiele, die bis heute in der Karwoche in Spanien stattfinden und gleichzeitig an Initiationsriten der Antike wie die Eingeweideschau. Nitsch beruft sich neben der Passion Christi auch auf den Kult von Dionysos, dem Gott des Weins und des Rausches. Rausch heißt Selbstvergessenheit, Eintauchen ins Universum. In seinem Rausch zerreißt Dionysos ein Böcklein, tanzt bis zum Exzess mit den Mänaden und hebt alle Grenzen der Tabus auf. Es heißt auch, dass Dionysos von den Titanen zerrissen und von seinem Vater Zeus wieder belebt worden sei. Daher ist auch er ein Symbol für Tod und Auferstehung, ein „Grenzüberschreiter“ wie Christus.

Grenzüberschreitung ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Hermann Nitsch, der dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys jenes des totalen Kunstbegriffs entgegensetzt. Das Orgien Mysterien Theater umfasst alles: Die Aktionen, die Malaktionen, die Musik, die Architekturzeichnungen, das Theater und das Leben. Es löst die Grenzen zwischen den Gattungen auf: zwischen Farbe und Blut – ob Akteure mit Blut und mit Eingeweiden besudelt werden oder Bilder mit Farbe geschüttet, beides ist sinnlich und erotisch, Ausdruck von Energie. Seine Architekturzeichnungen verwischen die Grenzen zwischen Architektur und Körper, denn sie basieren auf unseren inneren Organen, die wie geheime unterirdische Wohnstätten Schutz bieten. Die selbst komponierte kirchliche Orgelmusik alterniert mit der lebensfrohen Heurigenmusik, dem Duft des Blutes folgt jener der herangekarrten Rosen, des Weins und des Schweißes. Selbst die Grenze zwischen Akteuren und Publikum wird aufgehoben, denn letztere sind im Geschehen mit eingebunden. Der einzige Unterschied ist, dass die Einen nach Plan, die Anderen frei agieren, beide sind Teil des Ganzen. Kunst ist nichts anderes als eine verdichtete Lebensform, das Leben ist Teil des künstlerischen Akts.

Auch ORLAN bedient sich des Körpers als Vehikel ihrer Lebensanschauung. Seit 1964 inszeniert sie sich selbst in Fotoserien, Performances, zu denen auch die chirurgischen Eingriffe zählen, und Skulpturen. Sie produziert Videos und Filme. Im Gegensatz zu Nitsch, der mit dem Orgien Mysterien Theater das Einswerden, ja die Kommunion mit der Gemeinschaft und dem Universum sucht, ist ORLAN eine Rebellin, die sich dagegen auflehnt, dass sie ungefragt als Frau geboren wurde. Eines der Frühwerke, die wir hier ausstellen, ORLAN accouche d’elle-m’aime, zeigt, wie sie sich in Selbstliebe als androgynen Gegenpart gebiert. Auch der selbstgewählte Name ORLAN erinnert an Orlando und gleichzeitig an Gold, das wiederum Alchemie mit ins Spiel bringt. Ihre Bildsprache ist oft der christlichen Ikonographie entnommen, etwa wenn sie als Paraphrase der ekstatischen Hl. Teresia von Bernini als weiße und schwarze Madonna auftritt, oder wenn sie infolge der chirurgischen Eingriffe ihr verquollenes Gesicht mit einer Gaze überzieht und so ein Schweißtuch erzeugt, ein Vera Ikon, das an das Turiner Schweißtuch und auch an koptische Grabportraits erinnert. Mit der Serie der Reliquiare, in denen ein Stück ihrer eigenen Haut eingeschlossen ist, greift sie den Reliquienkult der katholischen Kirche auf, man möchte sogar einen Vergleich zur Monstranz wagen. Ihre Bildsprache ist barock, pompös, ikonisch und provokativ, z.B. wenn sie die Ekstase der Hl. Teresia in erotische Provokation umwandelt. Gut und böse sind gleichwertig, als dem Menschen innewohnende Gegensätze. Das lässt sich schon bei ihrer ersten, Aufsehen erregenden, Performance Le Baiser de l’artiste feststellen, die sie 1977 bei der FIAC in Paris durchführte und in der sie jedem – Frau wie Mann –, der bereit war, 5 Francs dafür zu zahlen, einen French Kiss in der Öffentlichkeit gab. Heilige und Hure sind in derselben Person, besser gesagt, derselben Frau vereint. Wie Nitsch verwischt auch ORLAN Grenzen, nur mit anderen Inhalten.
Der handschriftliche Text des hier gezeigten Reliquiars lautet: My body is but a costume. Der Körper ist also nichts anderes als ein Kostüm, welches man dem gesellschaftlichen Anlass anpasst. Er wird Transformationen unterzogen, etwa durch chirurgische Eingriffe – die, wie die Aktionen von Nitsch, theatralisch inszeniert sind – oder durch photographische Manipulation. Zweck ist es, Idealbilder zu schaffen und zunehmend auch ein Einverleiben fremder Kulturelemente als Reflexion einer Begegnung auf Augenhöhe mit dem Fremden. Das Andersartige wird nicht mehr als Bedrohung aufgefasst, sondern als eine Alternative zur Veränderung der eigenen Identität. ORLAN stellt eine Welt in Mutation dar. Welche Rolle dem Körper zukommt geht aus dem Text eines weiteren Reliquiars hervor: Ceci est mon verbe, ceci est mon logiciel, was übersetzt heißt: Dies ist mein Wort, dies ist meine Software. Der Körper ist nicht der Leib, wie in der Bibel, und nicht die Hardware, sondern das Wort selbst, die Software, mit der man das Leben programmiert. Er ist der Botschafter unserer stetigen "Seinswerdung" und unserer Weltanschauung.

Es ist kein Zufall, dass Anke Röhrscheid sozusagen zwischen Nitsch und ORLAN ausgestellt ist, denn die ausgewählten Werke weisen sowohl mit dem einen als mit der anderen Affinitäten auf. Anke Röhrscheid arbeitet weitgehend mit abstrakten oder abstrahierenden organischen Elementen, die manchmal Pflanzen, manchmal Organe oder noch Körperteile evozieren. Obwohl ihre Aquarelle nicht nach der Natur entstehen, sondern einer inneren Sicht entspringen, lassen sie sich manchmal erstaunlich präzise mit bestimmten Körperteilen in Verbindung bringen. In einem kleinen, in Schwarz- und Rosatönen gehaltenen Aquarell, glaubt man die Muskelbahnen der Schulterpartie zu erkennen. Durch die filigrane Akkuratesse der Darstellung erinnert diese Miniatur einerseits an die wissenschaftlichen Zeichnungen von Gehäuteten aus dem 18. Jahrhundert, andererseits haben sie in der Ausstellung einen deutlichen Bezug zu Nitschs Grafik des O.M. Theaters und gleichzeitig zur Gehäuteten ORLAN, die sich auf dem Bildschirm langsam zur Freiheitsstatue aufrichtet.
Eine weitere Affinität mit Nitsch und ORLAN ist die Erotik, die ihre Bilder ausstrahlen. Sie geben den Eindruck einer extrem zarten Haut, die den Betrachter zum Berühren verführt. Das ist, nebenbei gesagt, der Technik, die Anke Röhrscheid benutzt, zu verdanken: Das, was wir als Bildvordergrund wähnen, entsteht durch das Wegwischen von Materie, sodass die Motive wie aus dem dichteren Malgrund erscheinen. Zugleich wirkt die Hautoberfläche extrem sensibel und verletzlich.
Eine weitere Werkgruppe stellt einen anderen Bezug zur Haut her, nämlich die zwei kleinen Bilder mit einem Schnitt in der Mitte. Die gleichmäßige, leicht violette Farbe der Bilder gleicht einer abgestorbenen Haut mit einer Schnittwunde, die Einblick auf die innere Körperschicht gibt. Röhrscheid hat diesen Schnitt professionell von einem Chirurgen ausführen lassen. Er hatte sozusagen die Aufgabe ihr Bild zu zerstören, um ihm eine neue Qualität zu verleihen. Dieser Akt lässt sich mit den chirurgischen Eingriffen von ORLAN in Verbindung bringen.
Das überlebensgroße Bild ist durch sein Format ein Novum bei Anke Röhrscheid und eine Seltenheit, da Aquarelle normalerweise nur in kleineren Formaten gemalt werden. Die Ikonographie, wenn Sie mir diesen Begriff bei einem abstrakten Bild erlauben, besteht aus einem Gewirr aus unzähligen, undefinierbaren Wesen, die purzelnd das Bild übersäen. Dabei entstehen dichtere und lichtere Ballungen. Sowohl die Farbintensität und die Sättigung der Farbe als auch die Bildkomposition rufen Assoziationen mit barocken Gemälden wach, etwa mit Rubens‘ Höllensturz der Verdammten in der Alten Pinakothek in München. Das Video greift das Motiv einer Welt in Bewegung auf. Wir erleben die Erschaffung einer neuen Welt. Auf einem entfernten Planeten entwickeln sich aus dem sich ordnenden Chaos neue Strukturen. Nach und nach entsteht eine Art futuristische "Vogelsphynx". Aus der einen entstehen eine zweite, dann eine dritte und dann eine ganze Kohorte. Alle sind identisch und ordnen sich nach und nach hinter der ersten. Ihre Formation bildet eine Art Wirbeltier, das im Takt der elektronischen Musik fliegt. In dieser fremden Welt ist nicht mehr Identität, sondern Konformität Devise. Es ist die Welt des Klons, die ohne eigenen Willen und ohne Nachdenken das Gleiche macht wie das Leitbild, zum selben Zeitpunkt, in der Kadenz der skandierenden Musik. Das Einswerden von ORLAN durch die Begegnung mit dem Anderen ist hier zum undifferenzierten Gleichsein des Klons mutiert.

Danièle Perrier
4. April 2014

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